Die Geschichte des Holländer-Michel ...

Man nennt mich den Holländer-Michel. Die Menschen halten mich für einen Waldgeist, und die meisten versuchen mir aus dem Weg zu gehen. Viele fürchten meine riesenhafte Erscheinung. Meine Stiefel seien, so erzählen sie, so groß, dass ein Mensch bis zum Hals in ihnen Platz fände. Dabei kann ich mich größer und auch kleiner machen – ganz nach Belieben.

Meinen Beinamen erhielt ich, als ich vor vielen, vielen Jahren eines Tages bei einem reichen Holzherrn als Flößer anheuerte. Ich leistete die doppelte Arbeit eines gewöhnlichen Menschen. Auch beim Flößen der Stämme war ich schneller und erfolgreicher als alle anderen. Deshalb konnte ich gar nicht verstehen, dass die Reise bereits an der Mündung des Neckar in den Rhein zu Ende sein sollte. Warum sollten denn die Zwischenhändler, die die Stämme weiter den Rhein hinab transportierten, die großen Gewinne einstreichen? Meine Gefährten überzeugte ich davon, mit mir weiter nach Holland zu fahren. Gelohnt hat sich der Trip allemal; für unsere Fracht erhielten wir gutes Geld. Leider war ein Unvernünftiger mit dabei – den musste ich in Rotterdam kurzerhand verschwinden lassen, ansonsten hat den Entschluss keiner bereut. Was kann ich denn dafür, wenn die Taugenichtse nichts Besseres zu tun haben, als ihren Gewinn gleich in der nächsten Spelunke wieder zu versaufen und zu verspielen?

Als unser Treiben dann ans Licht kam, musste ich schleunigst das Weite suchen. Aber ich war nie ganz von der Bildfläche verschwunden. Ich bin der Herr des Waldes, und wenn Sturm ist, dann treibe ich mein Unwesen, so dass die Menschen furchtsam ihre Köpfe zusammenstecken und raunen, der Holländer-Michel sei im Tannenbühl unterwegs und schlage Holz für eine neue Flößerfahrt.

Einige Menschen suchen mich auf, wenn sie zu Reichtum kommen möchten. So wie der dicke Ezechiel oder der Spielpeter oder der Tanzbodenkönig. Sie alle kamen zu mir und gaben mir ihr Herz im Tausch gegen Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung. Was wiegt schon ein Herz dagegen? Eine ganze Sammlung menschlicher Herzen nenne ich mittlerweile mein Eigen. Stattdessen klopft nun ein Herz aus Stein in ihrer Brust, das ich ihnen einpflanze. Wer ein Herz aus Stein hat, der kennt keine Gefühle mehr, kein Mitleid mit anderen Kreaturen, keine Liebe zu den Mitmenschen, kein Freud und auch kein Leid. recht so, denn menschliche Regungen verhindern nur den wirtschaftlichen Erfolg! Wer es zu etwas bringen möchte, dem stehen menschliche Regungen nur im Weg.

Wenn nur nicht mein Konkurrent wäre, das Glasmännlein! Er verteilt den Reichtum ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. So glauben wenigstens die Menschen. Dabei zeige man mir einen einzigen Dummkopf, dem der Rat und die Hilfe des Glasmännleins Nutzen gebracht hat. Alle kamen anschließend auf Knien zu mir gekrochen, das Glasmännlein und seine nutzlosen Weisheiten verdammend. Ihre Herzen habe ich meiner Sammlung hinzugefügt.

So auch das Herz von Peter Munk. Aber bei ihm lief alles nicht so recht nach Plan. Die Wünsche des Glasmännleins hatten ihn zunächst nicht glücklich gemacht, der Reichtum rann dahin, und ehe er sich’s versah waren die Geldeintreiber hinter ihm her, die ihm die Mühle pfändeten. Er wusste sich keinen anderen Rat, als zu mir zurückzukehren. Wie den anderen Menschen vor ihm, gab ich ihm den Rat, künftig auf Mitleid und Freundlichkeit zu verzichten. Das bringt nichts ein, führt zu nichts, schon gar nicht zu Wohlstand. Peter Munk funktionierte mit dem Herz aus Stein zunächst wie alle anderen auch. Sogar seine eigene Frau hat er erschlagen. Unglücklicherweise schlummerte in ihm ein kleiner Rest an Menschlichkeit. Peter Munk warf sich erneut dem Glasmännlein in die Arme. Und mit Hilfe einer abscheulichen List, die ihm das Glasmännlein verraten hatte, gelangte er wieder an sein eigenes Herz. Das wird mir nicht noch einmal passieren! Er behauptete doch glattweg, er würde die Wirkung des kalten Herzes nicht verspüren. Ich hätte gleich darauf kommen sollen, dass das Glasmännlein ihm die Worte eingeflüstert hatte!