Die Geschichte des Glasmännleins ...

Ein guter Waldgeist sei ich, erzählen die Menschen, „der Schatzhauser im grünen Tannenwald“. Dreieinhalb Fuß bin ich nur hoch und trage die Tracht der Glasmacher: einen spitz zulaufenden Hut mit weiter Krempe, Wams und Pluderhosen mit roten Strümpfen. Dazu rauche ich eine ganz besondere Pfeife: eine Pfeife aus blauem Glas. Nur den Sonntagskindern erscheine ich, wenn sie sich in den dunklen Tannenbühl trauen und, den richtigen Vers auf den Lippen, mich herbeirufen. An sich helfe ich den Menschen gerne. Aber ach, welch dumme Ideen geistern in den Köpfen der Menschen herum. Als ob Geld glücklich macht! Als ob der beste Tänzer und der glücklichste Spieler das bessere Leben genießt! Die Welt ändert sich rasant in unserer heutigen Zeit. Ich muss es wissen, denn ich bin viele hundert Jahre alt und habe andere Zeiten erlebt. Zeiten, in denen die Menschen glücklich mit dem waren, was sie hatten. Aber heute gelangen die schlechten Sitten bis in die hintersten Winkel des Schwarzwaldes. Die Menschen streben nach oberflächlichem Glück und vergessen dabei, dass neben der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung sich auch das Herz weiterbilden muss. Aber oft passiert das Gegenteil davon: mit dem schnöden Mammon fangen die Menschen an, sich moralisch zurück zu entwickeln.

Bei Peter Munk war es nicht anders. Ich ahnte seine niedrigen Beweggründe bereits, als er mich das erste Mal rufen wollte, ihm aber die richtigen Worte nicht einfallen wollten. Hätte er es bloß nicht weiter versucht, er hätte mir viel Arbeit erspart. Neidisch war er, der Köhler, auf alle seine Mitmenschen, die reicher waren als er. Natürlich ist die Welt nicht gerecht. Aber schließlich kann es nicht nur Kaiser und Könige geben! Und wenn Vater und Mutter mit dem Beruf glücklich gewesen sind, dann kann es gefälligst der Sohn auch sein. Aber nein, Peter Munk musste nach scheinbar Besserem streben, nach dem Geld des dicken Ezechiel, nach dem Spielglück des Spielpeter und nach den Frauen des Tanzbodenkönigs.

Meine Gutmütigkeit hätte ich mir sparen können. Ich wusste bereits, dass Peter Munk ein viel zu großer Dummkopf ist, um seine Chancen zu nutzen. Zwei Wünsche hatte er frei. Und beide Wünsche vermasselte er. Ich wurde richtig böse, denn die negativen Folgen lagen auf der Hand. Wie, um Himmels willen, kann man einen florierenden Mühlenbetrieb führen, wenn man gleichzeitig die Tage und Nächte in den Kneipen bei Tanz und Spiel verbringt? Wirtschaftlicher Erfolg beruht immer noch in erster Linie auf Arbeit und auf Wissen. Müßiggang dagegen ist aller Laster Anfang!

Die Wünsche von Peter Munk waren so dämlich, dass ich sogar vor lauter Wut meine Pfeife gegen den nächsten Baum warf, so dass sie in hundert Stücke zersprang. Der Verlauf der Geschichte hat meinen Warnungen nur allzu recht gegeben. Es kam, wie es kommen musste: Das Glück zerrann Peter Munk in den Händen und er vertraute sich sogar meinem Widersacher, dem Holländer-Michel an, mich und meine Ratschläge verfluchend. Mir selbst hat er die Schuld am ganzen Desaster gegeben, nicht der eigentlichen charakterlichen Unzulänglichkeit! Genützt hat ihm das Herz aus Stein auch nichts, aber dass er noch seine schöne Lisbeth erschlagen musste, war denn doch zuviel des Guten. Dabei war ich selbst anwesend, um nachzusehen, ob bei Peter Munk noch etwas zu retten wäre. Gar nicht so einfach angesichts des kalten Herzens! Vielleicht, so dachte ich bei mir, hilft hier eine Schocktherapie. Als er Lisbeth mit dem Peitschenknauf tötete, nur weil sie mir armen Bettler etwas Brot und Wein darbrachte, da schien im hintersten Winkel seiner Seele doch noch so etwas wie Rührung und Schuldbewusstsein zu schlummern. Mir schien, ihn reute die Tat sogar ein wenig. Ich schickte Peter Munk dann noch ein paar Träume, bis er bereit war, sich sein menschliches Herz zurückzuerobern.

Auf Knien ist er zu mir zurückgekommen, um mich um Rat zu fragen. Den Umweg hätte er sich sparen können. Aber ich verriet ihm eine List, wie er beim Holländer-Michel wieder sein Herz aus Stein gegen sein eigenes eintauschen könnte. Ich hoffe, dass Peter Munk aus dieser Sache gelernt hat! Immerhin hat er seine Lisbeth zurück erhalten. Wenn mich nicht alles täuscht, leben beide nun glücklich und zufrieden als Köhler.