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Sebastian Giebenrath (Pforzheimer Zeitung, 15. Juni 2002)
Efeu erobert mit seinen Lackglanzblättern das blassrote Gestein. Auf der weiten Grasfläche - einstmals gewisslich ein Lustgarten mit akkurat geformten Bosketten und Rabatten - künden etliche knorzige Obstbäume vom Alter. Doch nun ist Leben eingekehrt in das Geviert des Schlossgartens Neuenbürg, es hat sich für kurze Zeit zum Freiluftatelier verwandelt. Ausgerichtet vom Förderkreis "Kultur im Schloss" findet dort, wo ehedem fürstlicher Fuß auf den Kieswegen knirschte, nun ein Bildhauer-Symposium statt. (Wir berichteten). Neun renommierte Künstler haben sich eingefunden, ihre Ideen mit ganz unterschiedlichen Materialien, Techniken und Stilformen umzusetzen. Nur mäßig eingegrenzt durch das vorgegebene Thema "Grenzüberschreitungen" haben sich die Skulpteure daran gemacht, bis zum Sonntag ein Kunstwerk zu schaffen. Ihnen dabei über die Schulter zu schauen, sich mit ihnen zu unterhalten, das ist ausdrücklich erwünscht. Und so haben schon zahlreiche Besucher sich in den Neuenbürger Schlossgarten aufgemacht, das Werden und Wachsen der Bildhauerarbeiten in Augenschein zu nehmen.
Je nach Naturell beredsam oder eher wortkarg, aber immer recht freundlich, geben die Künstler Auskunft. Fero Freymark beispielsweise verschafft sich und dem Betrachter Durchblicke. Aus alten Grabsteinen, sie selbst "Geschichten von tränen, Abschied und Trauer erzählen", lässt Freymark eine architektonisch verwinkelte, durchbrochene Skulptur erstehen und zwingt den Blick des Betrachters auf das quadratische Fenster jenseits der Lustgartenmauer, das seinerseits wieder einen Durchblick auf Teile des neu restaurierten Schlosses gewährt. Kurt Tassotti, sonst eher als Verfertiger von Bronzeskulpturen bekannt, hat diesmal zur Kettensäge gegriffen. Aus einem alten Kirschbaumstamm modelliert er drei miteinander verwachsene Torsi. Greift ein Greif mit seiner beringten Klaue nach dem Besucher? Hans-Jürgen Kossack hieb ganz gegenständlich aus Buntsandstein eine überdimensionale Vogelkralle, die mit einem zahlengeschmückten Bleiring schließlich in einem Baum aufgehangen werden soll. Der treppenlose Turm der alten Schlossruine jenseits der Mauer hat es Gertrud Buder angetan. Aus Schnüren und Strohhalmen knüpft die Künstlerin schwebeleichte Leiter, die dann in anmutigen Kurven im Inneren des Turms in die Höhe klettert. Mit Grenzüberschreitungen habe seine Arbeit wenig zu tun, meint Gerhard Sonns, der vor Ort kleine Quadrate aus Papiermaché formt und diese überlappend zu einer Art bedachtem Turm schichtet. Rolf Escher wiederum hat vier gewaltige Baumstämme auf die Wiese rollen lassen. Aus ihnen werden mittels Säge monumentale, archaische und farbig gefasste Stelen entstehen, die zeichenhaft an die keltische Vergangenheit des Schlossbergs erinnern. Den organischen Formen des Lebens, der "Sprache der Natur" spürt Josef Wehrle mit seiner Schmiedearbeit nach; dünne, fast spinnenartige Teile werden zu Figurationen zusammengefügt, die sowohl Getreidehalm als auch grazile Menschen sein können. An Palisaden- oder Taubentürme gemahnt die Arbeit von Eckhard Bausch, ein übermannhohes, mit Pappelholzlatten verkleidetes Konstrukt, das reizvoll mit den Vertikalen von Mauer und altem Schlossturm korrespondiert. Ingrid Bürger schließlich lässt in Gipsformen, die einem Grenzstein mit badischen und württembergischen Wappen abgenommen wurden, aus grauem Papierbrei Grenzsteinhüllen entstehen, die mit Heißkleber verbunden, ein vergängliches Zeichen der Grenzziehung setzen. Bis morgen sind die Künstler noch zugange; die Werke werden bis zum 30. Juni im Schloss ausgestellt.
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